Von jungen Spatzen und alten Grantscherben
Spatzen, auch Sperlinge genannt, gelten allgemein als eher die lustigen und frechen unter den Vögeln. Gerne treten sie im Rudel auf und zirpen und zwitschern, dass es eine Freude ist. Im Gegensatz zu den ebenfalls endemisch auftretenden Tauben, die mit ihrem ewigen Gegurre oft genug nerven und deren Aufgabe es in unserem Ökosystem anscheinend ist, alles zuzuscheißen, gelten die Spatzen als ein fröhliches Volk.
Und, man glaubt es kaum, sie haben auch etwas mit uns Menschen gemeinsam. Auch wir leben wie sie in Rudeln, auch wenn wir es Familie, Dorf oder Städte nennen. Auch wir sind, was die Partnerschaft betrifft monogam, also, naja, zumindest in der Theorie, die, wie wir wissen ziemlich grau ist. Aber lassen wir das, das sechste Gebot schreibt es uns vor – Punktum!
Doch jetzt haben Forscher der britischen »Royal Society« herausgefunden, dass es noch eine Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Spatz gibt: Beide werden mit zunehmendem Alter grantiger und mieselsüchtiger. In Bezug auf den Menschen, insbesondere, aber nicht nur die männliche Hälfte, wundert mich das nicht. Fährt man beispielsweise morgens mit der U-Bahn, so kann man fröhlich schnatternde, lachende Kinder auf ihrem Weg zur Schule und gleichzeitig grantige Zwiderwurzen-Gesichter der Erwachsenen beobachten.

Wundert das also in Bezug auf die Menschen keineswegs, so wundert es in Bezug auf die Spatzen schon. Aber wie haben das die königlichen Forscher der »Royal Society« erforscht? So ein Schwarm Spatzen fliegt und zwitschert in einem derartigen Durcheinander, dass kaum einzelne Exemplare beobachtbar sind.
Wieder einmal haben die Insulaner Britanniens einen Vorteil. Ah, sagten sie, Insel, sehr gut! Möglichst klein und möglich weit weg wäre gut. Da Spatzen ganz schlechte Langstreckenflieger sind, nahmen die Forscher die abgeschottete Population auf Lundy Island, einer weit vom englischen Festland entfernten Insel unter die Lupe. Die jungen Spatzen sind dort froh, pflegen Sozialkontakte und zwitschern was das Zeug hält. Aber so ein Spatz kann bis zu dreizehn Jahre alt werden und da hört es sich für ihn eben auf mit dem Lustigsein. Verständlich, vielleicht plagt ihn auch die Gicht oder so manches andere Zipperlein, einige Jugendfreunde sind schon dahingeschieden und womöglich hat Nachbars Katze den Partner oder die Partnerin erlegt und die Beute seinem Frau- oder Herrchen vor die Tür gelegt. Verständlich, das alles kann ein Spatzenleben ganz schön vermiesen.
Den Gegencheck, wie das mit den Menschen ist, haben die königlichen Forscher unterlassen. Welche kleine Population auf einer einsamen Insel mitten im Ozean oder einem entlegenen Bergdorf ließe sich schon so erforschen? Aber braucht es das? Die Spatzen lieferten den Beweis, es dürfte bei Mensch und Tier genetisch bedingt sein, dass man im Alter mieselsüchtiger wird. Das wäre der Beweis! Und wenn meine Liebste wieder einmal meint ich solle nicht herumgranteln (was ich fröhlichen Gemüts sowieso stets zurückweise), so kann ich entgegenhalten, dass, wenn alte Spatzen das Recht auf schlechte Laune haben, warum dann nicht auch ich?
Mehr zwitschern wie die Spatzen und weniger Altes-Leute-Granteln, das wäre doch, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, ein guter Vorsatz für 2025 – bis zum ersten Ärgernis hält der bestimmt.
2025 01 07/Fritz Herzog