Auf des höchsten Berges Zack …
Da die Weltgeschichte schon lange genug andauert und in dieser langen Zeit schon genug vorgefallen, genug geboren und gestorben wurde, so gilt es auch im Jahr 2025 jede Menge an Jubiläen, Geburts- und Todestage zu feiern; wobei »feiern« nicht immer das richtige Wort ist, »begehen« wäre korrekter, klingt aber furchtbar geschwollen. Die Frage, ob man begangene Jubiläen auch im Sitzen begehen kann, die Frage bleibt unbeantwortet. Sei’s drum!
Johann Strauss wurde schon beim Neujahrskonzert zu seinem bevorstehenden 200er ordentlich abgefeiert (sitzend). Gut, das wissen wir schon. Was kommt sonst noch heuer auf uns zu? Alles, von Thomas von Aquin (800) bis Giacomo Casanova (300), um zwei moralische Gegensätzler zu nennen und von Malcolm X bis Hildegard Knef (je 100) wird rauf und runter jubiliert, dass wir aus dem Begehen und Feiern gar nicht herauskommen.
Und da ist noch Joseph Kyselak. Joseph wer?, fragen Sie. Gleich! Dabei hat der 2025 weder einen runden Geburts- noch Sterbetag und trotzdem feiern wir 200 Jahre Kyselak. Darum, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser geht es heute.
Ich hoffe die heutige Überschrift hat sie nicht erschreckt und Sie dachten jetzt sei der FederLesen-Autor heimlich ins schnulzig-heimatliche à la Gabalier oder ServusTeVau abgeglitten und hole schon die Krachlederne zum Schuhplatteln aus dem Schrank. Nein, keine Sorge.

Joseph Kyselak (1798 – 1831) war ein österreichischer Beamter und leidenschaftlicher Wanderer. Im Jahr 1825 (deshalb das 200-Jahre-Jubiläum) startete er zu seiner großen Wanderung durch die Alpen über die er später ein Buch mit dem Titel »Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien« publizierte. All das hätte ihn jedoch niemals bis heute berühmt werden lassen. Längst wäre er in Vergessenheit geraten, hätte er nicht die Angewohnheit gehabt an allen möglichen und unmöglichen Orten seiner Wanderung seinen Namen auf Wände zu malen.
So, und damit komme ich zum vollständigen Text der heutigen Überschrift:
Schwindlig ob des Abgrunds Schauer
ragt des höchsten Berges Zack,
und am höchsten Saum der Mauer
prangt der Name – Kyselak
So beschrieben ihn und seine Manie die Zeitgenossen. Er war somit nicht nur ein Vorreiter der mittlerweile zahllosen Wanderführer, die uns der einschlägige Buchhandel bereitstellt. Er war auch der erste Graffitikünstler, zweihundert Jahre vor Banksy und Basquiat.
Da und dort sind seine Graffitis bis heute erhalten, wiewohl es auch zahllose Fälschungen gibt. Die Einträge an einer Felswand in der Wachau und am Wehrturm von Perchtoldsdorf dürften echt sein, jene an einem Obelisken in der Schwarzenbergallee in Neuwaldegg (mein heutiges FederLesen-Foto), ist mit Sicherheit die Fälschung eines Nachahmers.
Noch besser finde ich die zahllosen Legenden, die sich um ihn ranken. So hat er sicher nicht den Chimborazo in Ecuador bestiegen, dass Alexander Humboldt ein paar Jahre später bei seiner Erstbesteigung dort oben auf 6.000 Meter »Kyselak« lesen konnte.
Kaiser Franz I. soll, so eine weitere Legende, den Beamten Kyselak zu sich gerufen haben und ihn angewiesen haben mit seinen Graffitis auf kaiserlichen Wänden auszuhören. Kyselak versprach Besserung, doch als die Audienz zu Ende war und der Kaiser an seinen Schreibtisch zurückkehrte, war auf der Tischplatte »Kyselak« und das Datum eingraviert. Auch wenn diese Geschichte nur eine Legende ist, sie spricht für den Humor dieses seltsamen Kauzes. Genau deshalb widmete FederLesen heute diese Hommage dem Hofkammerbeamten, Alpinisten und Graffitikünstler anlässlich des Jubiläums der zweihundertsten Wiederkehr seiner großen Wanderung.
2025 01 20/Fritz Herzog