Richard Powers: Das große Spiel
Jüngst erweckten die USA den Eindruck, dass sie aus viel Geld und wenig Hirn bestünden. Doch ich will heute über ein anderes Amerika schreiben, die literarische Kraft dieses Landes. Da muss ich gar nicht erst auf Mark Twain oder Ernest Hemingway zurückgreifen. Auch Zeitgenossen wie John Irving, T.C.Boyle oder die leider schon verstorbenen J. D. Salinger und Paul Auster seien an dieser Stelle nur beispielhaft erwähnt. Nicht vergessen so großartige Lyriker wie Robert Frost. Die Liste ist noch lange nicht vollständig.
Heute füge ich einen Autor hinzu der mir – ich muss es zugeben – bislang nicht bekannt war: Den Pulitzer Preisträger Richard Powers. Geboren 1957 in Illinois verfügt er über ein umfangreiches Werkverzeichnis. Bekannt wurde er (laut Wikipedia) vor allem durch naturwissenschaftliche und philosophische Themen, die er in Romanform verpackt. Ich zäumte das Pferd von hinten auf und begann mit seinem jüngsten Roman »Das große Spiel«.

Auf Makatea, französisch Polynesien, einer kleinen Insel im Pazifik, leben gerade mal 62 Einwohner und dorthin verschlägt es die vier Protagonisten des Romans. Da ist einmal die 92-jährige Evelyne Beaulieu. Sie ist begeisterte Taucherin und lebte ihr ganzes Leben für die Unterwasserwelt. Dafür vernachlässigte sie ihre Kinder und ihren Mann. Sie taucht vor Makatea zu den großen Mantas, streichelt sie, und rettet sie auch, wenn sie in Meeresmüll wie etwa verlorenen Fischernetzen verstrickt sind. Und da ist auch die Künstlerin Ina Aroita. Sie fertigt Skulpturen aus Strandgut an, doch an den Stränden der einsamen Insel findet sich längst nur mehr Müll und Mikroplastik.
Und da ist der verträumte schwarze Schriftsteller Rafi Young und die Geschichte mit seinem Jugendfreund Todd Keane. Rafi, Student der Literatur mit einem Begabtenstipendium und Todd, Computernarr, aus reichem Haus stammend, sind in Schule und Universität unzertrennlich. Todd entwickelt ein nicht näher beschriebenes Programm (ein Spiel?) und wird zu einem der reichsten Amerikaner. Rafi, verzweifelt an seinen eigenen literarischen Werken und schafft keine Publikation. Doch er verliebt sich in Ina Aroita, bricht mit seinem Jugendfreund und zieht mit Ina auf Makatea.
Todd Young, der ebenso reiche wie visionäre Unternehmer, beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz und plant ein »seasteading« zu errichten, eine Unterwasserstadt; ausgerechnet vor Makatea. Was machen diese Planungen mit den wenigen Menschen dort? Die Erinnerung an den in den 60er Jahren beendeten Phosphatabbau, als tausende Menschen auf Makatea lebten, bringt einen Teil der Bewohner in Sorge um das paradiesische Eiland und einem anderen Teil gibt es Hoffnung auf bessere Schulen und Krankenversorgung.
Zuletzt – mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten – kehrt der schwer kranke Todd Keane mit seiner KI-gesteuerten Luxusyacht auf die Insel zurück und begegnet seinem Freund aus Jugendtagen.
Die 500 Seiten sind gespickt mit zahlreichen Rückblicken. Ist es ein Roman über eine an Geld und Rassismus zerbrochene Männerfreundschaft, ist es einer über die Verschmutzung der Ozeane oder ist es eine Dystopie über die Möglichkeiten der KI und der Vision vom Leben unter Wasser. Für mich war es alles in Einem. Ein großartiger Roman, der berührt und zum Nachdenken über die Zukunft unseres Planeten anregt.
2025 02 01/Fritz Herzog