FederLesen

True Crime im Wilden Westen

Es wird so zirka ein Jahr her sein, da habe ich mich an dieser Stelle über die Modeerscheinung der True-Crime-Krimis ein wenig lustig gemacht. Keine Angst, FederLesen wiederholt sich nicht, aber jetzt habe ich eine True-Crime-Geschichte ausgegraben, die so skurril ist, dass FederLesen sie sich nicht entgehen lassen kann und ich sie meinen geschätzten FederLeserinnen und -Lesern auch nicht vorenthalten will.

So entführe ich Sie in das Jahr 1905, genauer gesagt den 7. April dieses Jahres in den Wigwam Saloon in dem Ort Winslow im Bundesstaat Arizona. An diesem Abend betraten John Shaw und William Evans, zwei zwielichtige Typen, den Saloon, bestellten je einen Whiskey und ohne diesen auch nur anzurühren zogen sie ihre Revolver und knöpften sieben dort Poker spielenden Männern Silbermünzen im Wert von – da gehen die Erzählungen etwas auseinander – zwischen 200 und 600 Dollar ab. Danach gaben sie unter Zurücklassung von zwei vollen Whiskeygläsern Fersengeld und suchten das Weite.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum ich auf dem nicht ausgetrunkenen Whiskey so herumreite – warten Sie ab, ich komme noch dazu.

Der örtliche Sheriff und sein Deputy nahmen pflichtgemäß die Verfolgung der beiden Halunken auf und nach einer längeren Verfolgungsjagd stellten sie die beiden am nächsten Tag in der Stadt Canyon Diablo (ein Ortsname, wie aus einem drittklassigen Wildwestfilm, aber die Stadt hieß wirklich so; dass sie heute nur mehr als Geisterstadt existiert, passt hingegen zu ihrem Namen).

Wie es sich für eine ordentliche Wildwest Geschichte gehört, kam es zu einem Schusswechsel, der als »Canyon Diablo shootout« in die Geschichte eingehen sollte. In Folge der Schießerei wurde William Evans verletzt und John Shaw tödlich getroffen. Ohne viel Gschisti-Gschasti wurde John Shaw am Friedhof von Winslow, wo der Fall seinen Ausgang genommen hatte, begraben und William Evans wanderte für neun Jahre hinter schwedische Gardinen.

An dieser Stelle könnte die Geschichte enden, doch das tut sie mitnichten, denn Berühmtheit erlangte sie erst durch das Danach.

Es war am nächsten Abend im Wigwam Saloon, vielleicht waren es sogar die Pokerspieler vom Tag davor, die von der Geschichte hörten und die vom nicht getrunkenen Whiskey der beiden Ganoven wussten. Sie ließen es nicht auf sich sitzen, gingen mit Spaten und Whiskey bewaffnet zum Friedhof und gruben den Leichnam John Shaws aus. Sie hoben ihn auf, stützten ihn und flößten der Leiche das Glas Whiskey ein. Danach legten sie ihn mit einer Flasche Whiskey als Grabbeigabe wieder zurück in den Sarg und schlossen das Grab. Da einer der Teilnehmer dieses makabren Spiels eine Kamera dabeihatte, wurde das Ereignis auch für die Nachwelt festgehalten.

Und die Moral von der Geschicht‘? Da wäre erstens – no-na – die Erkenntnis, dass man Pokerspieler, und seien es selbst zwielichtige Typen, nicht ausraubt und zweitens, man soll Leichen – ebenfalls no-na – nicht ausgraben, um ihnen Whiskey oder ähnliche alkoholische Getränke einzuflößen. Und wenn schon, dann bitte nicht fotografieren; womöglich mit einem Selfie; aber die waren Anno 1905 Gottseidank noch nicht erfunden. 2026 01 09/Fritz Herzog

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