FederLesen

Cheddar-Käse, der Cheddar-Mann und Adrian Targett

Die deutsche Küche hat ihre Vorzüge, wenn man die englische kennt. So oder so ähnlich lautet ein alter kulinarischer Kalauer. Da ist schon was dran, denn England ist, was die Küche betrifft, tatsächlich eine Wüstenei oder halten Sie Black Pudding, also Blunzn, oder Kidneys, also Lammnieren, für einen lukullischen Höhepunkt? Okay, von mir aus geht noch Irish Stew oder Guinness Bier, aber beides kommt aus Irland.

Da wäre dann noch der Cheddar Käse, benannt nach dem Ort Cheddar in der Grafschaft Somerset in Südengland. Den will ich noch halbwegs gelten lassen, obwohl er mit einem guten und gereiften Almkäse ebenfalls kaum Schritt halten kann. Aber egal, darum geht es gar nicht, ich wollte Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser nur langsam zu dem Ort Cheddar hinführen.

Cheddar ist nämlich nicht nur wegen seines Käses berühmt, sondern auch dafür, dass dort im Jahr 1903 ein aus der mesolithischen Zeit stammendes Skelett gefunden wurde. Genauer gesagt fand man es in der Cheddar-Gorge, einer fünf Kilometer langen Schlucht in der Nähe des Ortes. Ein Name wurde ihm schnell gegeben, er wurde Cheddar-Mann genannt (den Ötzi nach dem Ötztal zu nennen war also nichts Neues). Er war männlich, wurde zwanzig Jahre alt und lebte so zirka vor 10.000 Jahren.

Die Engländer in ihrem Geschichtsstolz sahen in ihm so etwas wie den Ur-Engländer, blond, blauäugig, eine heldenhafte Mischung aus König Artus, Richard Löwenherz, Heinrich VIII. und Winston Churchill. Ha, mitnichten! Was 1903 noch nicht möglich war, ist mehr als hundert Jahre danach mittels Gentechnik und anderer Methoden möglich. Das Einzige, das am Ideal des Ur-Engländers stimmte, ist, dass er blaue Augen hatte, was man anscheinend anhand des Skeletts allein festzustellen in der Lage war. Dafür war er – horribile dictu für alle Rassenfetischisten – dunkelhäutig. Er entsprach also nicht dem Wunschideal des blond-rothaarigen und sommersprossigen Angelsachsen. Pech gehabt.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Jetzt taucht in der Geschichte der pensionierte Geschichtslehrer Adrian Targett auf (sorry für die Wortwiederholung »Geschicht«). Mr. Targett lebt ganz in der Nähe von Cheddar und – hokuspokus-simsalabim – eine DNA-Analyse hat ergeben, dass er ein direkter Nachfahre jenes Cheddar-Manns ist, mit ungefähr dreihundert Generationen dazwischen. Weit in der Weltgeschichte herumgekommen sind seine Ahnen in den letzten 10.000 Jahren nicht, wenn der heute noch dort lebt.

Aber wie ist man auf Mr. Targett gestoßen? Eines schönen Tages soll, so die Mär, besagter Herr ein Foto der Rekonstruktion des Gesichts des Cheddar-Manns gesehen und eine Ähnlichkeit mit sich erkannt haben. Also ehrlich, ich habe Fotos von beiden gesehen, Ähnlichkeit gibt’s keine; aber sei’s drum. Jedenfalls machte ihn ein Gentest sicher, dass er über die von der mütterlichen Linie weiter gegebene DNA mit dem Skelett verwandt ist.

Es ist schier unglaublich, was die Wissenschaft alles feststellen kann. Vielleicht findet man auch noch heraus, dass die letzte Mahlzeit des Cheddar-Manns ein Brot belegt mit Cheddar Käse war oder dass er an einer Überdosis Fish&Chips oder Kidney-Pie verblichen ist. Wer weiß?

Aber wie ist das hierzulande? Leben zwischen Obergurgl und Sölden heute noch die Nachfahren des Ötzi? Findet man demnächst irgendwo im Weinviertel das tausende Jahre alte Skelett meines Urururgroßvaters und ich kann dann die Reste meines Ahnen im Urgeschichtemuseum besuchen wo sie ausgestellt werden? Dürfte ich dort zu Allerheiligen zum Gedenken ein Kerzerl auf seiner Vitrine anzünden? Gut, das ist eine andere Frage und die kläre ich erst, wenn es so weit ist.

2025 03 08/Fritz Herzog

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