Habemus Papa?
Auch Päpste sterben einmal und immer ist es etwas, das die ganze Welt bewegt, gleich ob gläubig Fromme, nihilistische Agnostiker oder kämpferische Atheisten. Doch kaum ist der Dahingeschiedene erkaltet dreht sich alles nur mehr um seine Nachfolge. Wer wie was kann der, woher kommt er, was will er? Die medialen Auguren glauben es zu wissen oder mindestens vermuten sie es. Im Vatikansprech heißt der Fachausdruck »papabile«, was, allzu wörtlich übersetzt, hieße, die Fähigkeit Vater zu werden (lassen wir das!); tatsächlich gemeint ist die Fähigkeit Papst zu werden.
Darüber zerbrechen sich Kohorten von Journalisten weltweit den Kopf: wer hat die größten Chancen? Fehlte noch, dass auf der Piazza san Pietro Wettbüros ihre unheiligen Pforten öffnen und Quoten für jeden »Papabile« vergeben.
Das alles interessiert FederLesen nur am Rande und ist auch nicht wirklich ein Thema, das hierhergehört. Da stierl ich lieber in der Vergangenheit und berichte über Kuriositäten aus der Geschichte.

Wer meint, dass nur Männer im letzten Lebensabschnitt Chancen haben auf den Papstthron gehievt zu werden, irrt. Octavian von Spoleto war, so ganz genau weiß man das nicht, zwischen sechszehn und achtzehn Jahre alt, als er im Jahr 955 Papst Johannes XII. wurde.
Dass man nur einmal im Leben Papst werden kann, stimmt auch nur bedingt. Theophylakt von Tusculum schaffte es als Benedikt IX. im Zeitraum zwischen 1032 bis 1048 insgesamt drei Mal. Übrigens macht er dem vorhin erwähnten Johannes XII. den Platz um den jüngsten Papst streitig; er dürfte, so die Quellen, zwischen zwölf und dreißig Jahre alt gewesen sein, als er zum ersten Mal Papst wurde, wobei zwölf vermutlich eine historische Übertreibung ist. Jedenfalls wurde er zweimal abgesetzt, um danach wieder gewählt zu werden. Gut, es war die wirre Zeit des Investiturstreits, es herrschte also ein ziemlicher Wickel zwischen Kirche und Kaiser.
Auch die Totenruhe war einem Papst in früheren Zeiten nicht immer sicher. Als Papst Formosus 896 nach fünfjährigem Pontifikat verstorben ist, wurde Rucki Zucki mit Bonifatius VI, ein Nachfolger gewählt, der allerdings nach nur zwei Wochen ebenfalls dahingeschieden ist (man kann vermuten: es wurde nachgeholfen). Dessen Nachfolger Stephan VI. wiederum, er muss ein besonderes Herzerl gewesen sein, ließ neun Monate später seinen Vorvorgänger Formosus exhumieren, setzte die bereits verweste Leiche auf den Papstthron und machte ihm den Prozess wegen unsittlichen Lebenswandels. Bekannt wurde das Verfahren als »Synodus horrenda« oder »Leichensynode«. Olfaktorisch möchte ich mir den Prozess nicht ausmalen, er endete jedenfalls mit der Todesstrafe und der arme Formosus wurde danach in den Tiber geworfen.
Und, wenn sie jetzt, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, sagen, ja, Mittelalter, das waren wilde Zeiten mit Durcheinander allerorten, mit Streit und allen möglichen Gegenpäpsten zwischen Rom und Avignon, so haben Sie selbstverständlich recht. Doch wussten Sie, dass es auch heutzutage noch einen Gegenpapst gibt? Vor zwanzig Jahren, so lese ich, sogar mehrere. Angeblich handelte es sich um eine Anzahl im »niedrigen zweistelligen Bereich«.
Der bekannteste davon ist ein gewisser David Bawden, der sich 1990 in einem Hinterzimmer des Geschäftes seiner Eltern, Traditionalisten der sogenannten Pius-Bruderschaft, in Kansas zu Papst Michael I. ausrufen ließ. Er betreute seine Anhängerschaft in einem Webauftritt »vaticaninexile«. Als Michael I. im Jahr 2022 verstarb, fand sich mit Rogelio Martinez rasch ein Michael II. Der residiert heute auf den Philippinen und betreut von dort mit Frau und Kind seine fromme Schäfchenschar.
2025 04 26/Fritz Herzog