FederLesen

Das Nichts und das Älgvandringen

Seit Aristoteles haben sich Generationen von Philosophen daran abgearbeitet, was denn das Nichts sei und wie man es beschreiben könnte. Gar nicht so einfach. Als philosophischer Laie würde ich sagen, ist das Nichts Nichts, dann lässt es sich nicht beschreiben, da es ja nichts ist. Beschreibt man jedoch das Nichts, dann ist das Nichts ja nicht mehr nichts, sondern bereits ein Etwas. Zumindest stelle ich mir das so vor.

Aber wir leben längst in einer Zeit, ich der es das Nichts nicht mehr gibt. Alles ist ein Etwas! Wir drehen morgens den Radio auf oder blättern durch die Zeitung oder checken Mails oder surfen durch das www, so werden wir alles Mögliche finden, nur nicht Nichts.

Wir können Medienfasten predigen so oft und so lange wie wir wollen, wir entgehen diesem Etwas nicht. Wir erfahren Dinge, die uns weder interessieren, noch uns oder unser Leben in irgendeiner Form betreffen. Das war nicht immer so. Ich bin der Letzte, der in ein »früher-war-alles-besser« Lamento verfallen würde, aber ein bissl überinformiert sind wir schon.

Ein kleines Beispiel gefällig? Wenn in früheren Zeiten in Hintertupfing ein Mord passiert ist, wusste man maximal drei oder vier Ortschaften weiter davon. Heute erfährt es, dank unserer Medienwelt, der gesamte Erdkreis. Und das Schlimme ist, irgendein Hintertupfing irgendwo auf der ganzen Welt in dem ein Mord passiert, gibt es jeden Tag. Niemand interessierts, wir erfahren es trotzdem.

Medien konsumieren und trotzdem entspannt nichts erfahren, geht das? Da ist das tägliche Wetterpanorama auf den diversen Fernsehstationen doch eine Alternative. Stundenlang kann man dort den Nebelschwaden am Hahnenkamm oder dem Taubenflug rund ums Wiener Rathaus zusehen und es passiert … Nichts! Ist doch schön und entspannend. Richtigerweise sollte statt dem »ist« im vorletzten Satz ein »wäre« stehen, denn wer schaut schon stundenlang Wetterpanorama? Die Reichweite und die Zuseherzahlen dieser Sendungen sind überschaubar. Schnell klickt man weiter hin zu den neuesten grauslichen Nachrichten oder zu einer deppaten Trash-TV-Show.

Die Schweden haben uns da etwas voraus. Etwa ab Mitte April ziehen im Norden Schwedens die Elchherden, die über den Winter in der Küstenregion grasten, ins Landesinnere. Auf dieser Wanderung müssen sie den Fluss Ångermanälven queren. So weit, so gut, bis vor einigen Jahren eine TV-Station auf die Idee kam, dort eine Kamera zu stationieren und diesen Elchzug live zu übertragen. Nun darf man sich das nicht so vorstellen, dass dort rund um die Uhr Millionen Elche durch den Fluss schwimmen; nein, die meiste Zeit geschieht nichts.

Trotzdem hat die Sendung eingeschlagen. Mittlerweile werden im Wald rund um den Fluss 20 Kilometer Kabel verlegt, dass 32 Kameras mit Nachtsichtfunktion, Bewegungsmeldern und allem Pipapo ausgestattet, mehrere Wochen lang live übertragen können. Dass die meiste Zeit nichts als Gegend zu sehen ist und nur ab und zu ein Elch vorbeischwimmt stört nicht – im Gegenteil. 2024, während der mehrere Wochen dauernden Übertragung, zählte man 87 gesichtete Elche, was ein Rekord war – also volle Action sieht anders aus. Älgvandringen, Elchwanderung nennt sich diese Slow-TV Sendung.

Über die Zuseherzahlen und Reichweite der Sendung habe ich leider nichts Handfestes herausgefunden, aber ohne die entsprechenden Zuseher würde sich der Aufwand dort im tiefen schwedischen Nirgendwo vermutlich nicht lohnen.

Wäre das nicht auch etwas bei uns in Österreich? Es müssen ja keine Elche sein, Gämsen oder Hirsche täten es auch. Beruhigend wäre es in jedem Fall und das würde so mancher erhitzten Debatte in unseren Medien wirklich guttun.

2025 05 19/Fritz Herzog

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