FederLesen

True Crime und andere (Un)wahrheiten

Wer der Begründer des Genres Krimi war, lässt sich nicht mehr exakt feststellen. Einmal wird Friedrich Schiller mit seiner Novelle »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« (1786), ein anderes Mal Edgar Allen Poe mit »Der Doppelmord in der Rue Morgue« (1841) genannt. Wahrscheinlich liege ich nicht falsch, wenn ich behaupte, dass schon die alten Ägypter oder die Phönizier sich gruselige Kriminalgeschichten erzählt und vielleicht sogar aufgeschrieben haben.

Der Reiz von Kriminalromanen liegt auf der Hand, es ist der Reiz des Verbotenen, des Verbrechens und des im Spannungsbogen aufgebauten Geschehens drumherum und am Ende – welch Beruhigung! – siegt das Gute. Der Täter wird gefasst und alles ist Happy Peppi. Und schon lässt es den Leser, meist jedoch die Leserin, zum nächsten Krimi greifen und die Verbrecherjagd beginnt von Neuem.

Kohorten von Krimi-Autoren seit Agatha Christie haben sich so an Mord&Totschlag abgearbeitet und publizieren Jahr für Jahr mehr, als eine durchschnittliche Krimileserin je zu lesen in der Lage ist.

Doch, Krimis bleiben immer Fiktion. Die Leser wissen von der ersten Seite an »das ist nicht wirklich, nicht echt« und nehmen so der Spannung den letzten ultimativen Kick. Dem wurde mit den sogenannten True-Crime-Stories Abhilfe geschaffen. Wirkliche Kriminalfälle werden da aufgerollt und ausgebreitet. Das erhöht die Spannung, denn jetzt ist nichts mehr mit Fiktion, jetzt wird’s Realität.

Und schon war der Hype um True-Crime geboren. Ob in Buchform, in Fernsehserien oder in Podcasts, da gibt es keine Grenzen. Ob die Anzahl der True-Crime-Stories mittlerweile die Anzahl der Verbrechen längst übersteigt, weiß ich nicht, der Verdacht liegt mir nahe; die Frage wie »true« das denn alles sei, bleibt unbeantwortet, scheint aber egal zu sein, Hauptsache die Auflagen halten mit dem Gruselfaktor schritt.

Aber ich will da nicht herummosern, denn manchmal führen so True-Crime-Geschichten auch zur Auflösung von ungeklärten Kriminalfällen. Nein, ich rede nicht über Aktenzeichen XY von weiland Eduard Zimmermann.

Nein, kürzlich konnte so ein Verbrechen, begangen am 4. Mai 1337, aufgeklärt werden. An diesem Tag wurde mitten in London der Priester John Forde ermordet. Das Pfäfflein führte zwar einen nicht ganz den priesterlichen Regeln konformes Leben, aber das Ende hatte er sich auch nicht verdient. Nach Studien der diversen Aufzeichnungen über das Verbrechen und die Eskapaden und Verwicklungen des Priesters, in denen eine Aristokratin und verschiedene andere zwielichtige Gestalten eine Rolle spielen, kam man fast 700 Jahre nach der Tat in einer Untersuchung der Universität Cambridge zu dem Schluss, dass ein gewisser Hugh Lovell ihm das Messer in die Kehle gerammt hat. Gut, Hugh Lovell ist aus dem Schneider, denn erstens ist die Tat verjährt und zweitens braucht er sich heute auch nicht mehr vor Verfolgung schützen.

Wie man sieht, True-Crime-Stories haben auch einen Sinn und dienen nicht nur der Befriedigung des Kalten-Schauer-über-den-Rücken-Jagens, sie tragen manchmal auch zur Aufklärung bei.

Zu Beginn erwähnte ich Friedrich Schillers Novelle »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« als einen der Ur-Krimis, doch auch diese Novelle beruht auf einer wahren Begebenheit, wenn also Schiller nicht den Krimi erfunden hat, das Anrecht auf die erste True-Crime-Story scheint ihm zu gebühren.

Abschließend ein Post Scriptum in eigener Sache: Es liegt mir fern, das Genre Krimi madig zu machen, hin und wieder lese ich auch gerne Krimis oder Thriller und da darf es beispielsweise schon einmal ein Joel Dicker, Andreas Gruber oder Leonardo Padura sein (Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

2025 06 07/Fritz Herzog

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