FederLesen

Lea Ypi: Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Wie erlebt ein Kind, eine Jugendliche den völligen politischen Umbruch in einem Land, in ihrer Heimat. Lea Ypi, geboren 1979 in Tirana/Albanien war elf Jahre alt, als das isolationistisch kommunistische System in Albanien endgültig zusammenbrach und sich das Land auf einen mühevollen Weg hin zu Freiheit und Demokratie begibt. In ihrer Autobiografie »Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte« beschreibt sie genau von diesem Prozess.

Im Kindergarten und der Schule lernt sie die beinahe abgöttische Verehrung Enver Hoxhas, des 1985 verstorbenen Staatschefs und Josef Stalins, dem Vorbild des albanischen Regimes. Lea ist neun, Unruhen sind im Gange, das Mädchen, das nichts anderes kennt, ist hin- und hergerissen, zwischen dem was sie gelernt hat zu verehren und dem, was im Land gerade aufbricht. Verzweifelt läuft sie zur übergroßen Stalinstatue und umarmt dessen Bein, doch dann blickt sie nach oben, Stalins Kopf ist bereits abgeschlagen.

Eine leere Coca-Cola Dose als Schmuckgegenstand an einem Ehrenplatz in der kargen Wohnung wird zum heimlichen Symbol der Sehnsucht nach Freiheit und dem Westen.

Ihre Familienmitglieder sind Regimegegner, ihr Urgroßvater war in den 20er Jahren Ministerpräsident und ihr Großvater war jahrelang im Gefängnis. Doch ihre Eltern müssen ihre Tochter belügen, um der Gefahr der Verfolgung durch die Geheimpolizei zu entgehen. Brav lernt sie die Gedichte Enver Hoxhas, um sie aufsagen zu können und so dem Personenkult um diese Person zu dienen.

Wie erlebt das Kind und später die heranwachsende Jugendliche diese Zeit, wie geht sie um mit ihrer Familiengeschichte, mit den Lügen und mit der Wahrheit und mit dem Wort »Freiheit«? Zu Zeiten des Regimes bezeichnete »Freiheit« das Leben im kommunistischen System, als Gegensatz zur »Unfreiheit« des als Bedrohung empfundenen Lebens in kapitalistischen Systemen. Und, beinahe von einem Tag auf den anderen ist Freiheit etwas gänzlich anderes: Sagen zu dürfen was man denkt, ins Ausland reisen zu dürfen und dergleichen Freiheiten mehr.

Doch, ist es noch Reisefreiheit, wenn Albener zwar einen Reisepass von ihren Behörden erhalten, aber ein Visumzwang die Einreise, beispielsweise nach Italien, verunmöglicht? Was zuerst das Regime verhindert hat, verhindern danach die »Freiheit« versprechenden Staaten außerhalb Albaniens. Solche und ähnliche Fragen stellt Lea Ypi in ihrer Autobiografie. Berührend, bedrückend, Nachdenklich machend.

Das Buch endet mit den Tagebucheintragungen der Autorin aus der Zeit des Bürgerkriegs, der Albanien 1997, dem Jahr ihrer Abitur, erschütterte und den Weg hin zu Demokratie und Rechtsstaat beinahe zunichte gemacht hat.

Lea Ypi hat es geschafft, sie kann nach Italien emigrieren, um dort zu studieren. Heute lebt sie in Großbritannien und ist Professorin an der »London School of Economics« und Gastdozentin an zahlreichen internationalen Universitäten.

Warum ich dieses Buch, erstmals eine Autobiografie und kein Roman auf den »Altar von FederLesen« erhebe, ist leicht erklärt: Es ist ein Stück Zeitgeschichte aus einem Land, das, obwohl nah, uns immer noch fern ist. Es ist die Geschichte einer Jugendlichen, die einen Umbruch ungeahnten Ausmaßes durchlebt. Und es ist eine Migrationsgeschichte, wie sie leider viel zu selten gelingt.

PS: Wenn Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser mehr von Lea Ypi hören wollen, empfehle ich neben dem Buch auch das Video von ihrer »Rede an Europa«, heuer in Wien am Judenplatz, anlässlich der Eröffnung der Wiener Festwochen: https://www.youtube.com/live/9exCOFGdH-U?si=mbUtOCSYig1V-WLt

2025 06 22/Fritz Herzog

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten