Kulinarische und andere Sünden
Knapp an einem zwischenstaatlichen Konflikt sind Großbritannien und Italien kürzlich vorbeigeschrammt. Haben sich doch die Briten erdreistet das beliebte italienische Gericht »cacio e pepe«, die Urmutter aller italienischen Pastagerichte, auf einer Koch-Webseite mit Butter und Parmesan zuzubereiten. Mehr haben die Briten nicht gebraucht: »Fiepet Confesercenti«, der Dachverband italienischer Restaurants in der Person seines Präsidenten Claudio Pica ließ ein geharnischtes Protestschreiben Richtung London vom Stapel.
Nicht vier Zutaten, von denen noch dazu zwei grundfalsch seien, wie die Briten in ihrer kulinarischen Unwissenheit meinten (Spaghetti, Parmesan, Pfeffer, Butter) gehören in eine echte »cacio e pepe«, sondern nur drei, nämlich Pasta, Pfeffer und Pecorino. Und nix sonst! Also nix Parmesan, sondern Pecorino und schon gar keine Butter.

Also wirklich, diese Briten! Dabei hätte Padrone Pica durchaus ein wenig toleranter mit den Menschen der kulinarischen Wüstenei jenseits des Ärmelkanals umgehen können, sie verstehen es nicht besser. Aber vielleicht kannte er nicht den Spruch »nur wer die britische Küche kennt, lernt die deutsche schätzen«. Eine böse Zunge – genauer: es war ein Franzose aus dem Land von Paul Bocuse – meinte einst auch, die Engländer hätten deshalb die Tischreden erfunden, damit man von ihrem Essen abgelenkt sei.
Aber wer entscheidet, was richtig, was falsch im Kochtopf ist? Was schmeckt, was nicht? Wenn ich an dieser Stelle die deutsche Küche schon erwähnt habe, nicht alles, was uns an Speisen von jenseits des Inn nicht hinter die Kiemen kommt, muss deswegen schlecht sein. Wer »Schnitzel mit Tunke« für eine Sünde hält (ich gehöre dazu), dem wird auch Labskaus nicht munden; aber wem’s schmeckt – von mir aus, soll es so sein. Ich muss es ja nicht essen.
Dinge und Gusto ändern sich auch. Was einst als Sünde galt, ist heute erlaubt. Rotwein zum Fisch beispielsweise oder Weißwein zum Steak; beides einst ein (Achtung Neudeutsch:) »no go«, wird heute toleriert. Das haben Sünden anscheinend so an sich, schließlich haben die frommen Padres der Heiligen Inquisition im Mittelalter das fünfte Gebot auch anders interpretiert, als es von Mutter Kirche heute wird. Aber ich schweife ab.
Wie bei den zehn Geboten, gibt es auch beim Essen lässliche Sünden und Todsünden. FederLesen will an dieser Stelle nicht moralisieren und den lukullischen Inquisitor spielen, aber Spaghetti nicht al dente zu kochen halte ich für verzeihlich. Hingegen ist es für mich unverzeihlich eine Scheibe Ananas – noch dazu aus der Dose! – auf eine Pizza zu klatschen oder zwischen zwei Toastscheiben zu quetschen und den Unsinn dann nach irgendwas mit Hawaii zu benennen.
Die Grenze zwischen »Sünde« und »das lasse ich grad noch durchgehen« ist oft auch gar nicht so einfach zu ziehen und wohl auch individuell zu entscheiden. Auch hier ein Beispiel: Gehen Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, gelegentlich in eines dieser Self-Service-Lokale und essen ein Fleischlaberl in einem lätscherten Weckerl mit Gurkerl und Paradeiser, die meistens jedoch nur Tomaten sind? Geht, oder geht gar nicht? Hie und da, oder nein, nie, niemals?
Und die Moral von der Geschicht‘? Gusto und Ohrfeigen sind verschieden. Ja, beim Gusto kenn ich mich ein bissl aus, bei den Ohrfeigen Gottseidank weniger, aber es wird schon stimmen.
2025 08 10/Fritz Herzog