FederLesen

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen

Wieder einmal eine Buchempfehlung gefällig? Da habe ich heute etwas für Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser. Bevor ich jedoch zum Buch komme, muss ich ein paar Worte über die Autorin sagen.

Maria Leitner, eine jüdische Ungarin, 1892 in Varaždin geboren, studierte Kunstgeschichte, solidarisierte sich mit den ungarischen Kommunisten und arbeitete als Journalistin. Ab 1920 hatte sie einen österreichischen Pass. Mit diesem konnte sie nach 1933 mehrfach für Recherchen nach Deutschland reisen. Nach 1938 flüchtete sie nach Frankreich, reiste immer wieder undercover nach Deutschland, kam in ein französisches Internierungslager des Vichy-Regimes, flüchtete aus diesem und schlug sich nach Marseille durch. Varian Fry, der bedeutende amerikanische Flüchtlingshelfer versuchte vergeblich für sie ein Visum zur Einreise in die USA zu bekommen. Maria Leitner starb 1942 in Marseille, wenn die Information aus Wikipedia stimmt, den Hungertod.

Eine ihrer Reisen nach Deutschland im Jahr 1933 oder 1934 dürfte sie zu dem Roman »Elisabeth, ein Hitlermädchen«, das den Untertitel »Roman der deutschen Jugend« trägt, inspiriert haben. Die Schuhverkäuferin Elisabeth ist eine überzeugte Anhängerin Hitlers und sie trägt voll Stolz die Uniform des Bundes deutscher Mädchen. Am 1.Mai 1933, Hitler hält am Tempelhofer Feld in Berlin eine große Rede, lernt sie den SA-Mann Erwin kennen. Sie verlieben sich. Elisabeth wird schwanger und Erwin organisiert ihr eine Abtreibung. Die sind zwar streng verboten, doch für Parteimitglieder ist das auch im Nazi-Deutschland kein Problem.

Als Elisabeth in ein Ausbildungslager für Mädchen kommt, ist sie zunächst enthusiastisch dabei; endlich, so glaubt sie, könne auch sie einen Beitrag für das neue Deutschland leisten. Doch der Alltag dort entfremdet sie immer mehr von der Ideologie des Nationalsozialismus und auch ihre Beziehung zu Erwin zerbricht. Als eine Freundin, von der grausamen Ausbildnerin gemobbt, Selbstmord begeht, begehrt sie auf und wird in einer dramatischen Szene all ihrer Abzeichen, die sie mit so großem Stolz getragen hatte, beraubt und in Unehren, wie das damals geheißen hat, aus dem Bund deutscher Mädchen entlassen.

Das Buch, in einfacher, fast naiver Sprache geschrieben (man merkt die Journalistin Maria Leitner), ist nicht nur ein bewegendes Zeitdokument über das Leben der Jugend jener Zeit, es ist – und das macht es für mich so bedeutend – auch aktueller denn je. Die tragische Geschichte der Autorin Maria Leitner, wie die, der fiktiven Romanfigur Elisabeth verweben sich posthum auf eine erschütternde Art und Weise. In Zeiten, in denen Faschismus und Nationalismus weltweit wieder fröhliche Urständ feiern, kann man gar nicht genug auf deren Gefahren hinweisen, in der Hoffnung, dass vielleicht doch aus der Geschichte gelernt wird.

2025 09 17/Fritz Herzog

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