FederLesen

Allerheiligen und -seelen

Darf’s heute ein bissl morbid und makaber sein? Ja? Also diesen Tagen um den 1.November durchaus angemessen. Sollten Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser jedoch eher zu den zarter Besaiteten zählen, rate ich diesmal zu einer kleinen FederLesen-Pause. Im Zweifel tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker oder wie dieser alte Medikamenten-Werbespruch auch heißen mag.

Allerheiligen, nach dem Valentins- und Muttertag das dritte Hochfest der Gärtner und Floristen im Jahreskreis, ist wieder einmal über uns hereingebrochen wie der Nebel im November. Nachdem wir Süßes oder Saures und alles mögliche und unmögliche Pseudogruselzeug mitsamt Kürbisschnitzereien halbwegs heil überstanden haben, vermag uns fast nichts mehr erschrecken. Wer denkt schon an sein Ende, wenn als Zimmerdekoration noch ein Plastikgerippe herumhängt? Wahrscheinlich kaum wer.

Und doch höre ich seit Tagen im Radio Werbeeinschaltungen diverser Bestattungsunternehmen, die um Kundschaft buhlen. Na, die müssen das wohl tun, denn einen Wert wie Kundenbindung oder der Gewinnung von Stammkunden, damit haben die es schwer. Klar, wenn man nur auf Laufkundschaft (wobei das in diesem Fall nicht ganz der richtige Ausdruck ist) angewiesen ist und keine Stammkunden hat, muss man beim ersten Mal ordentlich beim Preis draufschlagen; der oder die kommt mit Sicherheit kein zweites Mal und beschweren können sich höchstens die sich um einen gehörigen Teil ihres Erbes geprellt fühlenden Hinterbliebenen.

Aber, wie hieß es einst in einem Werbespruch? »Ma muass rechtzeitig drauf schaun, dass ma’s hat, wenn man’s braucht.« Nicht nur Bestatter, auch Lebensversicherungen und Erbschleicher wissen wovon ich da rede. Will man bis dahin keine Zeit verplempern, gibt es Abhilfen.

Da es mittlerweile für beinahe jede Lebensfrage eine App gibt, gibt es auch für die Ablebensfrage eine solche. Ganz einfach, Sie beantworten ein paar Fragen nach Alter, Gewicht, Lebensumstände et cetera und die gute App berechnet auf den Tag genau den Tag Ihres Hinscheidens. Wie genau das Ding ist, diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten, denn schließlich weile ich noch Allhier. Könnte ich die Exaktheit der App hingegen bestätigen, dann wäre ich ja nicht mehr in der Lage sie zu bestätigen. Irgendwie logisch und irgendwie erinnert es mich ein wenig an das One-Way-Geschäftsmodell der Bestatter.

Wenn Sie täglich daran erinnert werden wollen, gibt es die (zweifelhafte) Prognose auch als Radiowecker. Dem verraten Sie ebenfalls Ihre Eckdaten, der berechnet das und sagt Ihnen am Display wie viele Sekunden und Minuten Ihnen noch zur Verfügung stehen. Sie wachen also jeden Morgen auf und statt der Uhrzeit zeigt das Gerät Ihnen Ihre Restlaufzeit. Sie wachen also nicht jeden Tag aufs Neue wie Bill Murray im Film »Täglich grüßt das Murmeltier« zum alten Sonny&Cher Hadern »I got you Babe« auf und erleben den vergangenen Tag nochmals, sondern immer mit der aktuellen Information über Ihre Restsekunden.

Vielleicht ist das ja eine Idee für ein Weihnachtsgeschenk für einen mehr – oder eher für einen weniger – lieben Menschen; um 79,90 Dollar sind Sie dabei. Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser wünsche ich jedoch ganz ganz viele Sekunden, Minuten, Tage, Jahre bis zum Ablauf; möge das Display auf dem beschriebenen Radiowecker zu kurz sein.

2025 11 01/Fritz Herzog

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