FederLesen

Kayla und das (beinahe) ewige Leben

Der Mensch soll sich Ziele setzen, heißt es so schön in den diversen zuhauf existierenden Lebensratgebern, sei es in gedruckter Form oder sei es via eines Influencers, die meistens Influencerinnen sind. Ziele sollen Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Wohlbefinden sichern.

Aber ich will heute über Kayla, genauer, Kayla Barnes-Lentz, schreiben. Kayla stammt aus Los Angeles, ist 35 Jahre alt und hat ein einziges Lebensziel, sie will 150 Jahre alt werden und dem ordnet sie radikal alles in ihrem Leben unter.

Foto: thanks to Nay Lin Aung

Die gute Frau beginnt ihren Tag mit einer 2½-stündigen Morgenübung unter Licht, was den zirkadianen Rhythmus in Gang bringen soll (keine Ahnung was ca. zirkadian sein soll, bitte selbst googeln). Unter Tags macht sie regelmäßig Biohacking-Pausen (ebenfalls keine Ahnung was das ist) und geht um ½ 8 Uhr abends schlafen. Wobei, schlafen, das ist bei ihr auch so eine Sache, dazu nützt sie einen Faradayschen Käfig, der sie vor magnetischen Strahlen schützen soll. Sie arbeitet nie mehr als 90 Minuten am Stück und zu Mittag steigt sie in eine Sauerstoffkammer und auf einen Vibrationstrainer (nicht zu verwechseln mit den im einschlägigen Fachhandel erhältlichen namensähnlichen Freudenbringern). Dass sie sich nur von biologischen Lebensmitteln und allen möglichen Nahrungsergänzungsmitteln ernährt, ist dann nur mehr eine Draufgabe.

Bevor ich es vergesse, die Dame ist selbstverständlich eine Influencerin, die ihren Lebensstil und das gesamte Drumherum über diverse Social-Media-Plattformen bewirbt. Und wie es sich für eine anständige Influencerin gehört, vermarktet sie den ganzen Klimbim auch. Wer das 22.Jahrhundert erleben und 150 Jahre alt werden will, benötigt im 21.Jahrhundert ein entsprechendes Geschäftsmodell – No-Na! Business ist Business und Kohle ist Kohle.

Also ehrlich, ich weiß nicht was Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser davon halten, aber wenn ich diesen Aufwand in meinem Leben treiben würde, pfeif ich drauf 150 Jahre alt zu werden. Was hätte ich davon? Keinen einzigen Mensch aus meinem Leben würde ich mehr kennen, bei jedem Spitalsaufenthalt würde die Krankenkasse und die Pensionsversicherungsanstalt aus Kostengründen die Frage der Triage zum Thema machen und fragen wann der Alte endlich einen Abgang macht und meine Ururururenkel würden wahrscheinlich auch auf den alten Knacker pfeifen.

Warum will jemand so ein biblisches Alter erreichen? Wobei, zum biblischen Alter fehlen da sowieso noch ein paar Jahrhunderte. Glaubt man den alten Schriften, wurde Adam 930, Noah 950 und Methusalem, der ewige Rekordhalter, wurde 969. Nur Moses war jünger, der wurde nur läppische 120, aber der hat sich auch sehr einseitig nur mit Manna ernährt und ist seine letzten 40 Jahre mühsam in der Wüste herumgelatscht – alles nicht gesund.

150 wäre, verglichen mit Methusalem, nicht einmal ein Rekord und wer will das Erreichen dieses hoch gesteckten Ziels auch kontrollieren. Ich mit Sicherheit nimmer und ohne meinen geschätzten FederLeserinnen und -Lesern nahe treten zu wollen – ich wünsche Ihnen allen ein langes und gesundes Leben – ob die Frau Kayla Barnes ihr Ziel eines schönen Tages erreichen wird, werden wir alle miteinander nicht erleben. Die Frage, was daran erstrebenswert sein soll, die Frage müsste Frau Barnes ohnehin erst einmal beantworten und ohne ihr etwas unterstellen zu wollen vermute ich, das weiß sie selbst nicht. Ich, für meinen Teil, kann sie für mich beantworten und so suche ich den Kompromiss zwischen g’sund leben und genießen und dazu brauch ich keine Influencerin.

2025 11 30/Fritz Herzog

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten